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Ungeklärter zeitlicher Geltungsbereich für künftige Generationen

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Ungeklärt ist auch die Frage, auf welchen Zeitraum sich die anthropozentrische Sichtweise bezieht. Soll sie nur kurzfristige Vorteile der gerade Lebenden in Betracht ziehen oder auch die potentiellen Interessen kommender Generationen berücksichtigen?

Mit der gegenwärtigen Wirtschaftsweise zerstört der Mensch langfristig seine eigene Lebensgrundlage auf Kosten nachfolgender Generationen. Die Interessen zukünftiger Generationen werden nur unzureichend von den heute Lebenden vertreten. Fragen einer intergenerativen Gerechtigkeit werden ausgeblendet.

Aber im Zuge einer wirklichen anthropozentrischen Umweltethik müßte das Handeln auch von dem geleitet werden, was in der Zukunft liegt, nicht nur von dem, was unmittelbar passiert. Vermutlich liegt das Problem darin, daß die Bedürfnisse künftiger Generationen nicht greifbar sind; das Wohl der Urenkel zu weit in der Ferne liegt.

Eingedenk dessen, daß sich Eltern normalerweise um das Wohl ihrer Kinder sorgen, ist es um so unverständlicher, daß das Wohl kommender Generationen unberücksichtigt bleibt.

Aber vielleicht spielt hier auch ein egoistisches Kalkül eine Rolle, daß i.d.R. die Ururenkel sowieso nicht mehr erlebt werden, “und es einem deshalb egal sein kann, wie deren Probleme eines Tages gelöst werden”.

Die Frage ist auch, welcher Stellenwert der medizinischen Versorgung kommender Generationen beigemessen wird.

Die Tropenwälder bieten den größten Vorrat an genetischen Informationen auf der Erde überhaupt und schon heute werden viele hundert wichtige Medikamente aus Pflanzen und Tieren des tropischen Regenwaldes gewonnen, die ausschließlich dort vorkommen.[1]

Der amerikanische Präsident Ronald Reagan soll z.B. sein Überleben, nachdem er von der Kugel eines Attentäters getroffen worden war, u.a. einem Blutdruck stabilisierenden Medikament verdankt haben, das von einer Buschviper aus dem Regenwald-Gebiet des Amazonas stammt.[1]

Besonders ausgeprägt ist das Ignorieren langfristiger Umweltrisiken bei der Nutzung der Atomtechnologie. Gerade dort sollte jedoch allein die Existenz von Risiken für einen Nutzungsverzicht ausreichen.

Das gilt selbst dann, wenn die Sicherheitsvorkehrungen noch so gut statistisch “abgesichert” sind. Der radioaktive Müll wird bekanntlich noch hunderte Generationen lang strahlen.

Und kann z.B. bei der Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle Sicherheit über Jahrtausende garantiert werden? Vielleicht wünschen sich Generationen in ferner Zukunft eine Welt, in der keine Sicherheitsmaßnahmen für die Endlagerung von strahlendem Müll getroffen werden müssen?

Es sollte nie vergessen werden, daß die Möglichkeit der Güterabwägung bei Atomtechnologie immer die Gunst der Frühergeborenen ist.

Angenommen man würde in Anlehnung an den amerikanischen Philosophen John Rawls [2] in einem Gedankenexperiment alle Menschen über den Einsatz von Atomtechnologie oder der Abholzung der Regenwälder abstimmen lassen, und es wüßte keiner, welcher Generation er angehört (bzw. wie reich er ist oder auf welchem Erdteil er wohnt).

Was würde wohl bei dieser Abstimmung herauskommen? Es ist fraglich, ob unverändert langfristige Nachteile bewußt in Kauf genommen würden zugunsten bestimmter, aktueller Vorteile.

Natürlich kann niemand heute genau vorhersagen, was künftigen Generationen einmal wichtig sein könnte. Aber erscheint es da nicht geradezu billig, wenn Optimisten einfach auf zukünftige, heute noch unbekannte, Technologien spekulieren, die alle Umweltprobleme lösen werden?

Denn als Gegenargument zu diesem “naiven” Fortschrittsglauben könnte genauso gut eingewendet werden, daß es keinen Beweis dafür gibt, daß der Mensch zum rechten Zeitpunkt einen Weg finden wird, um die anstehenden Umweltprobleme zu bewältigen.

Wünschenswert wäre deshalb eine Denkweise, wonach der Mensch die Welt, von der er lebt, nur von kommenden Generationen geliehen hat. Vielleicht würden manche der heutigen Umweltprobleme gar nicht bestehen, wenn der Mensch eine durchschnittliche Lebenserwartung von mehreren hundert Jahren hätte...

 

[1] Vgl. die Ausführungen von Al Gore zum Tierschutz in: Gore, Al (1992), Wege zum Gleichgewicht - Ein Marshallplan für die Erde, Frankfurt a.M., S.131.

[2] Anmerkung: Ein solches Gedankenexperiment beschreibt der amerikanische Philosoph John Rawls in seinem Buch “Eine Theorie der Gerechtigkeit” (1994, Frankfurt a.Main), in dem er ideale Abstimmungsbedingungen und Prinzipien untersucht, innerhalb derer gerechte Grundsätze beschlossen würden.

 

 

 

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